|
Vier
deutschsprachige unabhängige Arzneimittelzeitschriften und Mitglieder der
International Society of Drug Bulletins (ISDB), arznei-telegramm, DER
ARZNEIMITTELBRIEF, PHARMA-BRIEF und pharma-kritik haben aus Sorge um die Folgen
einer Lockerung des Werbeverbots für rezeptpflichtige Arzneimittel gemeinsam
folgenden "Offenen Brief" an die zuständigen Mitglieder im
Europäischen Parlament, an die Bundesministerin für Gesundheit und an die
Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages geschrieben.
Sehr geehrte Damen
und Herren,
die Europäische
Union plant, das Werbeverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel zu durchlöchern.
Die Pharmaindustrie soll zukünftig auch Laien direkt “informieren” dürfen. Der
Entwurf der EU-Kommission würde bei zunächst drei Krankheiten (Diabetes, Asthma
und AIDS) Laienwerbung für rezeptpflichtige Arzneimittel möglich machen. Die
EU-Kommission versucht den Eindruck zu erwecken, es ginge nur um die Weitergabe
von “Information”, nicht um die Werbung.
Die unabhängigen
Arzneimittelzeitschriften bezweifeln, daß die Pharmaindustrie eine zuverlässige
Informationsquelle für Patientinnen und Patienten darstellen könnte. Für einen
vernünftigen Umgang mit Arzneimitteln ist unabhängige Information eine
unabdingbare Voraussetzung.
Industriegesteuerte
Information oder gar Laienwerbung für rezeptpflichtige Arzneimittel ist ein
Schritt in die falsche Richtung. Bislang ist sie nur in den USA und Neuseeland
erlaubt. Die Folgen: Irrationale Verschreibungspraxis (Wunschverschreibungen)
und extrem steigende Arzneimittelausgaben, ohne daß die Qualität der Versorgung
verbessert worden wäre. In den USA verstieß 1998 über die Hälfte aller
TV-Pharmaspots gegen die gesetzlichen Bestimmungen.
Die Initiative zur
Änderung der EU-Regeln für Werbung geht eindeutig von der Pharmaindustrie aus.
Sie setzt sogar scheinbar unabhängige Patientenorganisationen für ihre
Interessen ein. Jüngstes Beispiel ist die Studie von International Alliance of
Patients‘ Organisations (IAPO), die sich für das “Recht” der Industrie
einsetzt, Laien mit Informationen zu versorgen. Die IAPO wurde von ca. 30
Pharmafirmen gegründet und finanziert.
Die Umfrage wurde
hauptsächlich bei IAPO-Mitgliedern durchgeführt und von einer Werbeagentur und
von einer Consulting-Firma gesponsert. Umfrageergebnis: die Patienten vertrauen
Ärzten und Apotheken nicht. Die Originaldaten stützen aber diese Aussage nicht:
60% der Patienten haben hohes Vertrauen in ihren Arzt, weitere 33% trauen ihm
manchmal oder je nachdem. Leider ist nicht erkenntlich, ob auch gefragt wurde,
ob Patienten der Information der Pharmaindustrie vertrauen. Berichtet wird
darüber nicht.
In diesem
Zusammenhang ist eine Studie der britischen Consumers‘ Association
aufschlußreich (Hunter, M.: Brit. Med. J. 2002, 324, 1416). Nur ein
Viertel der befragten Patienten glaubt, daß die Pharmaindustrie ausgewogene und
umfassende Informationen und Therapien zur Verfügung stellen würde. Über 80%
meinten, daß die Firmen ihre Werbung auf die gewinnträchtigsten Medikamente
konzentrieren würden. Über die Hälfte der Befragten befürchtete, daß die Firmen
versuchen würden, gesunde Menschen zu überzeugen, nicht existente Krankheiten
zu haben.
Schon heute wird
von den Firmen das Verbot der Laienwerbung oft umgangen. Als Beispiel kann der
Werbespot der Firma Pfizer genannt werden, der bei der Fußballweltmeisterschaft
regelmäßig in die Abendsendungen von Sat I und Eurosport eingeblendet wurde:
Der Fußballstar Pelé riet den Zuschauern, bei Erektionsstörungen den Arzt
aufzusuchen. Die Firma wurde als Initiator des Werbespots genannt.
Werbung zielt auf
Produktpromotion, nicht auf Verbesserung der Versorgung. Desinformation über
konkurrierende Therapieoptionen verschlechtert die Patientenversorgung. Als
Information bezeichnete Werbung bedroht die Qualität. Patienten und
Patientinnen müssen aber informiert, nicht beworben werden. Gute Information
ist auch ohne Gesetzesänderung möglich und findet teilweise auch schon statt.
Mehr unabhängige Information ist nötig, dazu bedarf es aber der Förderung
unabhängiger Informationsstellen für Fachleute und Verbraucher(innen).
Ein Träger der
unabhängigen Arzneimittelinformation können auch die Packungsbeilagen sein,
wenn Design, Lesbarkeit und Informationsgehalt zwischen Herstellern und
Aufsichtsbehörden besser abgestimmt wäre. Hier müssen europäische Initiativen
verstärkt werden.
Wir möchten Sie
bitten, Ihren Einfluß geltend zu machen und dafür zu sorgen, daß auch in der
europäischen Gesetzgebung das Werbeverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel
verankert bleibt und nicht aufgeweicht wird.
|