Bei Patienten mit fortgeschrittenem
nichtkleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) kann durch eine Mono- bzw. Polychemotherapie
häufig eine Verbesserung der Symptome (z.B. Husten, Luftnot, Schmerzen) und
eine geringe Verlängerung des Überlebens um zwei bis vier Monate gegenüber
bester supportiver Behandlung erreicht werden (1, 2). Da auf Tumorzellen des
NSCLC häufig der Epidermal Growth Factor Receptor (EGFR oder HER-1) verstärkt
exprimiert wird oder Mutationen aufweist, wurden in den vergangenen Jahren bei
NSCLC verschiedene Wirkstoffe erprobt (z.B. Gefitinib, Erlotinib), die
spezifisch und kompetitiv die Bindung von ATP an den EGFR hemmen (sogenannte
Tyrosinkinase-Inhibitoren) und dadurch wichtige Wege der Signaltransduktion für
das Tumorwachstum (3). Auf den Wirkungsmechanismus, erste klinische Ergebnisse
und unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) von Gefitinib beim NSCLC sind wir
bereits ausführlich eingegangen (4-6). Jetzt wurden vom National Cancer
Institute der Canada Clinical Trials Group (NCIC CTG) die Ergebnisse einer
randomisierten, plazebokontrollierten, doppeltblinden Phase-III-Studie mit
Erlotinib bei Patienten mit Stadium III B oder IV eines NSCLC publiziert (7).
Insgesamt 731 Patienten erhielten nach Stratifizierung (u.a. entsprechend dem Allgemeinzustand
und Ansprechen auf die vorausgegangene Chemotherapie) und Randomisierung im
Verhältnis 2:1 entweder Erlotinib (150 mg per os/d; n = 488) oder Plazebo (n = 243).
Alle Patienten hatten eine Vorbehandlung mit einem (ca. 50%) oder mehreren
Chemotherapieprotokollen (meistens Platin-haltige Kombinationen) erhalten. Das
mediane Alter der Patienten betrug 61 Jahre. Primärer Endpunkt dieser Studie
war das Gesamtüberleben, sekundäre Endpunkte das progressfreie Überleben,
Ansprechrate (komplette und partielle Remission) und die Ansprechdauer, UAW
sowie „Lebensqualität“. Die Ansprechrate in der Erlotinib-Gruppe (8,9%,
überwiegend partielles Ansprechen, mediane Ansprechdauer: 7,9 Monate) unterschied
sich signifikant von der Plazebo-Gruppe (partielles Ansprechen bei weniger als
1% der Patienten; p < 0,001). Eine Kontrolle der Tumorerkrankung (komplettes
oder partielles Ansprechen, stabile Erkrankung) konnte durch Erlotinib bei 45%
der Patienten erreicht werden. Frauen, Nichtraucher, Patienten asiatischer
Abstammung, Patienten mit Adenokarzinom und Patienten, auf deren Tumorzellen in
≥ 10% der EGFR exprimiert wurde, sprachen signifkant besser auf Erlotinib
an. Das mediane Gesamtüberleben in der Erlotinib-Gruppe betrug 6,7 Monate und
in der Plazebo-Gruppe 4,7 Monate (p < 0,001). Auch hinsichtlich des
Gesamtüberlebens ergaben multivariate Analysen, dass insbesondere Patienten
asiatischer Abstammung, Patienten mit Adenokarzinom bzw. Nichtraucher
signifikant häufiger von Erlotinib profitierten. Das mediane progressfreie
Überleben lag nach Erlotinib bei 2,2 Monaten und nach Plazebo bei 1,8 Monaten
(p < 0,001). Bei insgesamt 24% der mit Erlotinib behandelten Patienten (Plazebo:
4%) erfolgte eine Dosisreduktion (19%) oder ein Absetzen von Erlotinib (5%).
Verantwortlich hierfür waren vor allen Dingen Hautveränderungen (12%) und
Diarrhö (5%). Deutliche Unterschiede im Auftreten von Pneumonitis und
Lungenfibrose (Grad III-V; < 1% in beiden Gruppen; vgl. 4, 5) wurden nicht
beobachtet. Untersuchungen zur „Lebensqualität“ ergaben, dass die mediane Zeit
bis zum Auftreten der bei NSCLC häufig belastenden Symptome wie Husten, Luftnot
und Schmerzen durch Erlotinib um 1-2 Monate verlängert werden konnte. Angaben
zu einer eventuell parallel oder sequenziell durchgeführten Strahlentherapie
finden sich in der Arbeit leider nicht.
In einer begleitenden kanadischen Studie wurde bei
einer Untergruppe dieser Patienten versucht, das Ansprechen auf und das Überleben
nach Erlotinib mit molekularen Parametern wie Expression des EGFR bzw. Mutation
oder Amplifikation des EGFR zu korrelieren (8). Es stand allerdings nur
Untersuchungsmaterial von 27% (EGFR-Mutation), 30% (EGFR-Amplifikation) bzw. 44%
der eingeschlossenen Patienten (EGFR-Expression) zur Verfügung. In
multivariaten Analysen zeigte sich, dass neben den o.g. prädiktiven Faktoren
(Adenokarzinom, Nichtraucher) auch die Expression des EGFR mit einem besseren
Ansprechen auf Erlotinib assoziiert war. Demgegenüber zeigte sich keine
Korrelation zwischen Überleben nach Behandlung mit Erlotinib und Expression,
Genamplifikation, oder Genmutation des EGFR. Diese Befunde stehen im
Widerspruch zu Studien an asiatischen Patienten, in denen signifikant bessere
Ansprechraten und eine Verlängerung des Gesamtüberlebens bei Patienten mit
NSCLC und Genmutationen des EGFR nach Behandlung mit Gefitinib beobachtet
wurden (6). Es ist bemerkenswert, dass im Rahmen der kanadischen Studie
versucht wurde, Korrelationen zwischen molekularen Parametern und Wirksamkeit
von Erlotinib prospektiv zu analysieren (7, 8). Da jedoch nur eine kleine
Untergruppe der Patienten hinsichtlich EGFR-Genmutation oder -amplifikation untersucht
werden konnte und zahlreiche Tumorproben zum Zeitpunkt der Diagnose, nicht aber
vor Beginn der Therapie mit dem Tyrosinkinase-Inhibitor entnommen wurden, sind
weitere prospektive Studien unbedingt erforderlich, um die klinische Bedeutung
dieser molekularen Parameter für eine diagnostische Vorselektion besser
beurteilen zu können (9, s.a. 10). Prinzipiell muss es das Ziel zukünftiger
prospektiver klinischer Studien sein, an Hand standardisierter und valider
molekularer Parameter bzw. klinischer Merkmale den relativ kleinen Anteil von
Patienten zu identifizieren, der wahrscheinlich auf neue Therapiestrategien,
wie Erlotinib, anspricht und in klinischen Studien eingeschlossen werden
sollte. Dieses Vorgehen würde vielen Patienten eine wirkungslose, teure und
möglicherweise toxische Therapie ersparen.
Fazit:
Erlotinib, ein gegen den EGFR gerichteter, oral applizierbarer
Tyrosinkinase-Inhibitor (in Deutschland noch nicht zugelassen) führt im
Vergleich zu Plazebo bei Patienten mit fortgeschrittenem, chemotherapeutisch
vorbehandeltem NSCLC zu einer Verbesserung der Ansprechraten und Verlängerung des
Überlebens um zwei Monate. Das Auftreten subjektiv beeinträchtigender Symptome
wie Husten, Luftnot und Schmerzen wird durch Erlotinib etwas verzögert. Bei etwa
25% der Patienten musste wegen schwerer UAW (z.B. Hautveränderungen, Diarrhö)
die Dosis reduziert oder Erlotinib abgesetzt werden. Insbesondere Frauen,
Nichtraucher, Patienten asiatischer Abstammung und Patienten mit Adenokarzinom
profitieren von einer Therapie mit Erlotinib. Parallel durchgeführte molekulare
Analysen bei einer Untergruppe der Patienten ergaben, dass die Expression des EGFR
signifikant mit dem Ansprechen auf Erlotinib korreliert, eine signifikante
Assoziation zwischen Überlebensdauer und Expression oder Mutation des EGFR
jedoch nicht besteht.
Literatur
1.
Spira, A., und Ettinger, D.S.: N.
Engl. J. Med. 2004, 350,379.
2.
AMB 2002, 36, 70.
3.
Krause, D.S., und Van Etten,
R.A.: N. Engl. J. Med. 2005, 353, 172.
4.
AMB 2003, 37, 23.
5.
AMB 2003, 37, 39c.
6.
AMB 2004, 38, 53.
7.
Shepherd, F.A., et al.:
N. Engl. J. Med. 2005, 353, 123.
8.
Tsao, M.S., et al.: N.
Engl. J. Med. 2005, 353, 133.
9.
Doroshow, J.H.: N.
Engl. J. Med. 2005, 353, 200.
10.
AMB 2005, 39, 57.
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